Freigabeantrag kurz erklärt

Inhaltsverzeichnis

Freigabeantrag kurz erklärt

Bedeutung, Voraussetzungen und Beispiele aus der Praxis

Für viele Schuldner ist das Insolvenzverfahren mit erheblichen Einschränkungen verbunden. Umso wichtiger ist es, vorhandene Handlungsspielräume zu kennen und gezielt zu nutzen. Ein zentrales Instrument in diesem Zusammenhang ist der sogenannte Freigabeantrag. Er ermöglicht es, bestimmte Vermögenswerte oder Tätigkeiten aus der Insolvenzmasse herauszulösen und weiterhin eigenständig zu nutzen.

Was ist ein Freigabeantrag?

Ein Freigabeantrag ist ein Antrag des Insolvenzschuldners oder eine Erklärung des Insolvenzverwalters, mit der bestimmte Gegenstände oder Einkünfte nicht mehr zur Insolvenzmasse gehören sollen. Rechtsgrundlage ist insbesondere § 35 Abs. 2 InsO bei selbstständiger Tätigkeit.

Ziel ist es, dem Schuldner wirtschaftliche Eigenständigkeit zu ermöglichen, ohne die Interessen der Gläubiger unangemessen zu beeinträchtigen.

Wann kommt ein Freigabeantrag in Betracht?

Ein Freigabeantrag spielt vor allem in folgenden Situationen eine Rolle:

  • bei selbstständiger Tätigkeit während der Insolvenz
  • bei unwirtschaftlichen Vermögensgegenständen
  • wenn der Verwaltungsaufwand höher ist als der zu erwartende Erlös
  • bei Gegenständen, die für die berufliche Existenz notwendig sind

Gerade für Selbstständige ist die Freigabe oft entscheidend, um weiterhin Einkommen erzielen zu können.

Bedeutung der Freigabe der selbstständigen Tätigkeit

Ein besonders praxisrelevanter Fall ist die Freigabe einer selbstständigen Tätigkeit. Der Insolvenzverwalter kann entscheiden, dass er die Tätigkeit nicht zur Masse zieht. Stattdessen wirtschaftet der Schuldner auf eigene Rechnung weiter.

Das bedeutet konkret:

  • Einnahmen gehören dem Schuldner
  • im Gegenzug muss er eine fiktive Abgabe leisten (vergleichbar mit pfändbarem Einkommen)
  • neue Schulden aus der Selbstständigkeit betreffen nicht die Insolvenzmasse

Beispiel:

Ein Grafikdesigner befindet sich im Insolvenzverfahren. Der Insolvenzverwalter gibt seine selbstständige Tätigkeit frei, da sie nur geringe, aber stabile Einnahmen bringt. Der Schuldner kann weiterarbeiten und zahlt monatlich einen Betrag an die Masse, der sich am pfändbaren Einkommen orientiert.

Freigabe einzelner Vermögensgegenstände

Auch einzelne Gegenstände können freigegeben werden, wenn sie für die Masse wirtschaftlich uninteressant sind.

Beispiel: 

Ein altes Fahrzeug gehört formal zur Insolvenzmasse, hat jedoch nur einen sehr geringen Marktwert und hohe Reparaturkosten. Der Insolvenzverwalter gibt das Fahrzeug frei, da eine Verwertung keinen Sinn ergibt. Der Schuldner darf es weiterhin nutzen.

Freigabe bei Steuererstattungen und Forderungen

In bestimmten Fällen kann auch über die Freigabe von Forderungen entschieden werden. Allerdings ist hier Vorsicht geboten, da – wie aktuelle Rechtsprechung zeigt – viele Ansprüche weiterhin zur Insolvenzmasse gehören können.

Beispiel: 

Ein Schuldner erwartet eine geringe Steuererstattung. Der Verwaltungsaufwand wäre höher als der Ertrag. Der Insolvenzverwalter entscheidet sich, die Forderung freizugeben.

Vorteile eines Freigabeantrags

Ein erfolgreicher Freigabeantrag bietet mehrere Vorteile:

  • mehr finanzielle Eigenständigkeit
  • Fortführung der beruflichen Tätigkeit
  • bessere Motivation und Perspektive während der Insolvenz
  • weniger Eingriffe durch den Insolvenzverwalter

Risiken und typische Fehler von Selbstständigen

Trotz der Vorteile ist Vorsicht geboten. Häufige Fehler sind:

  • falsche Einschätzung, welche Werte zur Masse gehören
  • fehlende Abstimmung mit dem Insolvenzverwalter
  • neue Schulden bei freigegebener Selbstständigkeit
  • unklare Dokumentation der Einnahmen

Ablauf einer Freigabe im Insolvenzverfahren

1  Schritt: Prüfung der Freigabevoraussetzungen: Bevor der Antrag gestellt wird, muss geprüft werden, ob überhaupt eine Freigabe möglich ist. Handelt es sich um einen Vermögensgegenstand oder eine Tätigkeit? Ist die Tätigkeit notwendig für den Lebensunterhalt?

Beispiel:Ein Schuldner ist als Freelancer tätig. Der Insolvenzverwalter hat kein Interesse an der Verwertung, da die Einnahmen gering, aber stabil sind. Hier ist eine Freigabe sinnvoll.

2. Schritt: Gespräch mit dem Insolvenzverwalter: Der erste offizielle Schritt ist das Gespräch mit dem Insolvenzverwalter. Oft kann die Freigabe bereits hier einvernehmlich geregelt werden.Im Gespräch geklärt wird: Welcher Wert/Tätigkeit soll freigegeben werden? Wie hoch ist die fiktive Abgabe (bei Einkommen)? Welche Unterlagen werden benötigt?

Wichtig: Der Insolvenzverwalter kann die Freigabe anbieten – dann braucht es keinen formellen Antrag beim Gericht.

3. Schritt: Schriftlicher Antrag beim Insolvenzgericht: Wenn der Verwalter nicht von selbst freigibt, muss der Schuldner einen schriftlichen Antrag auf Freigabe beim Insolvenzgericht stellen.

4. Schritt: Einreichung der notwendigen Unterlagen: Dem Antrag müssen Nachweise beigefügt werden, beispielsweise Lohnabrechnungen oder Gewinnerrechnungen, Kontoauszüge

Beispiel: Bei Freigabe einer Nachzahlung auf dem P-Konto werden Kontoauszüge und der Bescheid über die Nachzahlung eingereicht.

5. Schritt: Prüfung durch das Insolvenzgericht: Das Insolvenzgericht prüft den Antrag. Dabei wird in der Regel der Insolvenzverwalter angehört. Die Prüfung dauert in der Regel zwischen 2 und 6 Wochen.

6. Schritt: Gerichtlicher Beschluss: Das Gericht entscheidet über Zustimmung, Ablehnung und Auflagen beispielsweise auf Freigabe unter bestimmten Bedingungen

Beispiel: Nach Freigabe der selbstständigen Tätigkeit als Texter erhält der Schuldner alle Einnahmen selbst. Er zahlt monatlich 150 € als fiktive Abgabe an die Masse.

7. Schritt: Bei Verpflichtungen: Nach der Freigabe muss der Schuldner bestimmte Pflichten erfüllen, wie regelmäßige Abgabe der fiktiven Zahlung oder Dokumentation der Einnahmen

Hilfe bei verspätetem Antrag

Wird der Freigabeantrag nicht rechtzeitig gestellt oder abgelehnt, bleibt dem Schuldner oft nichts anderes übrig, als sich an das Sozialamt zu wenden, um dort vorübergehende Unterstützung zu beantragen. Das Amt kann in Härtefällen finanzielle Hilfen gewähren, die allerdings meist nicht ausreichen, um den gesamten Lebensunterhalt zu bestreiten. Daher ist es wichtig, sich frühzeitig über den Freigabeantrag zu informieren und ihn rechtzeitig einzureichen. So kann verhindert werden, dass der Schuldner durch eine Kontopfändung völlig mittellos wird.

Bedeutung für die Schuldnerberatung

Für Schuldnerberater ist der Freigabeantrag ein wichtiges Werkzeug, um individuelle Lösungen zu entwickeln. Er ermöglicht es, Mandanten aktiv zu stabilisieren und neue Perspektiven zu schaffen – insbesondere bei Selbstständigen oder atypischen Einkommenssituationen.

Eine sorgfältige Prüfung der wirtschaftlichen Verhältnisse sowie eine enge Abstimmung mit dem Insolvenzverwalter sind dabei entscheidend für den Erfolg.

 

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